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Mit Humor durch das Leben

Hildegard Karoß ist 100 Jahre alt und hat ein paar Tipps für ein langes Leben
Hildegard Karoß ist eine fröhliche Frau geblieben. Foto: S. Krieg
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„Jetzt bin ich ja bekannt wie ein bunter Hund!“, sagt Hildegard Karoß und lacht. Da sie gerade 100 Jahre alt geworden ist, hat sie viel Besuch von Journalisten bekommen. Auch Oberbürgermeister Rico Badenschier hat ihr gratuliert.  Humor, sagt die fröhliche Dame, war immer ihr Lebenselixier – obwohl sie teils harte Zeiten durchzumachen hatte.

Sie wurde im Dezember 1916 in Bad Polzin, Hinterpommern, geboren, das auf polnisch Po?czyn-Zdrój heißt und heute zur polnischen Woiwodschaft Westpommern gehört. Beide Weltkriege hat sie dort überstanden. „Aber Hunger haben wir nie kennen gelernt. Wenn man was zu essen brauchte, hat man sich was geschlachtet, oder es wurde Getreide gemahlen. Das hat dann immer gereicht“, erinnert sie sich. Schon als junge Frau arbeitete sie tagein tagaus von morgens bis abends in der Landwirtschaft – auf dem Feld und im Stall.

Trotz des Krieges betrachtet sie diese Zeit eher als glücklich; der größte Einschnitt in ihrem Leben kam erst danach: 1946 wurde die damals 29-Jährige zusammen mit ihrer großen Verwandtschaft abrupt aus Bad Polzin vertrieben. „Die Polen haben uns damals alles weggenommen, auch die Ausweise, sogar die Kleidung. Und aus dem Zug gestoßen wurden wir“, berichtet sie. Aber rückblickend sei dies ja nur eine kurze schlimme Episode gewesen. Sie erinnere sich viel lieber an das Gute.
Jedenfalls landete sie schließlich in Langen Brütz – zusammen mit ihren Eltern, ihren drei Brüdern sowie ihrer Schwester und deren Kindern. In dem kleinen Ort nahe Schwerin wohnte zu diesem Zeitpunkt ihr Bruder, der sich aber 1946 noch in Kriegsgefangenschaft befand.

In Langen Brütz wurde sie von einem Fuhrunternehmer als Milchkutscherin eingestellt. Sie sagt: „Wir haben jeden Tag etwa 300 Milchkannen bewegt, 20 Liter waren darin. Die Kannen haben wir von den Höfen eingesammelt und zur Molkerei nach Schwerin gebracht. Ein ganzes Jahr lang haben wir das gemacht. Aber unser Chef hat immer gern Alkohol getrunken, und einmal ist er frech geworden und hat zu mir gesagt, ich könne gehen.“ Das habe sie dann kurzum getan – auch auf sein Bitten sei sie nicht zurückgekehrt auf den Milchwagen. Aber wirklich gram sei sie dem Mann nicht. Schließlich habe er seine guten Seiten gehabt und der Familie sogar mal ein geschlachtetes Schwein geschenkt.

Hildegard Karoß kehrte zurück in die Landwirtschaft, jetzt aber nicht auf einen Hof, sondern zur LPG. Dort hat sie alle Arbeiten erledigt, die so anfielen, von der Aussaat bis zum Packen von Strohmieten. „Dafür gab 1,30 Mark pro Stunde“,  weiß sie noch. Aber sie musste dank neuer Technik nicht mehr ganz so hart schuften wie zuvor in Bad Polzin. Oder wie sie es ausdrückt: „Die Moderne ging dann auch bei uns los.“
Aber was stellte man in der freien Zeit an? Weil es auf dem Lande im Prinzip nichts weiter gab, musste man selbst was organisieren. Karoß entschied sich fürs Theaterspielen – das Ensemble zeigte am allerliebsten humorvolle Stücke; als Beispiel fällt ihr „Der Schweinehirte“ ein. „Bei uns ging es immer lustig zu“, sagt sie. Auch musiziert habe sie seinerzeit viel, vor allem auf der Ziehharmonika. „Ich weiß nicht, ob ich das noch könnte“, überlegt sie. Ihre Instrumente hat sie inzwischen verschenkt. Bis zur Rente arbeitete sie bei der LPG, nebenbei versorgte sie privat noch „viel Viehzeug“, vor allem Hunde und Katzen, und bewirtschaftete ihren Hausgarten.

Im vergangenen Jahr änderte sich für die Dame plötzlich alles: Ein kleiner Fehltritt bescherte ihr einen Oberschenkelhalsbruch. „Da war alles vorbei“, sagt sie. Kurz darauf zog sie um ins Schweriner „Vitanas Senioren Centrum Im Casino“. „Hier habe ich es sehr schön“, sagt die Hundertjährige, „die Schwestern sind alle sehr nett zu mir.“
Sie benötige zwar außer für ganz kurze Wege einen Rollstuhl, aber sie treibe immer noch ein wenig Sport, vor allem Gymnastik für Arme und Beine – man müsse ja immer in Bewegung bleiben. Sie singt außerdem regelmäßig zusammen mit den anderen Senioren und nimmt am Gedächtnistraining teil. Allerdings, und das bedauert sie schon ziemlich, kann sie nicht mehr lesen, denn auf einem Auge ist sie blind, und mit dem anderen sieht sie nur noch sehr unscharf.

Ihre Fröhlichkeit bewahrte sie sich dennoch. „Ich hatte und habe viel Glück in meinem Leben“, freut sie sich. Dazu tragen auch die Menschen bei, die sich liebevoll um die ältere Dame kümmern. Schon seinerzeit auf dem Dorf habe sie oft Besuch bekommen – und das änderte sich auch nicht, seit sie im „Senioren Centrum“ wohnt.
Verwandtschaft hat sie leider kaum noch: Ihr Mann, den sie 1951 heiratete, sei bereits vor etwa vierzig Jahren gestorben, auch ihre Geschwister lebten längst nicht mehr. Und Kinder habe sie keine. Aber ihre Nichte sei für sie da. „Sie wäscht Wäsche, hilft mir bei den Behörden und so weiter. Wenn ich sie nicht hätte, wäre ich aufgeschmissen. Ich bin ihr wirklich zu großem Dank verpflichtet“, betont sie. Und schmunzelnd fügt sie hinzu: „Auch wenn sie das immer nicht hören möchte.“

Ist das ihr Geheimnis, wie man die 100 Jahre schafft: stets vergnügt bleiben? Oder gilt es auch, sich auf besondere Art zu ernähren, sich von Lastern fernzuhalten, regelmäßig Gymnastik zu machen oder so? Hildegard Karoß überlegt kurz. „Eigentlich habe ich immer nur gelebt wie jeder Mensch“, sagt sie schließlich. Sie habe allerdings nie geraucht, aber zum Fest auch gern mal ein Schlückchen Alkohol getrunken. Drei Tipps für ein langes Leben möchte sie dann doch noch loswerden: „Viel Bewegung, nie den Mut verlieren und nicht immer alles so ernst nehmen.“ S. Krieg