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Niemals ohne Sicherheitsnadel

Ach, diese Kleider! Wenn beim Schlossfest am 13. Juni Damen in Reifröcken und Herren in Gehröcken flanieren, liegt hinter Jutta Oettle schon viel Arbeit. Dann hat sie Westen geknöpft, Röcke geschnürt und Mieder gehakt. Denn wer für Umzug und Zeitreise ins 19. Jahrhundert die passende Garderobe braucht, kommt zu ihr.
Jutta Oettle gehört zum Vorstand des Schlossvereins und betreut dessen Fundus. Die meisten Mitglieder besitzen eigene Kleider, aber Nicht-Mitglieder brauchen häufig Unterstützung und bekommen ein Outfit geliehen. Dann zieht Jutta Oettle geduldig ein Kleidungsstück nach dem anderen von der Stange – so lange, bis eins sitzt. „Manchmal dauert die Anprobe zwei Stunden“, sagt sie und fügt lachend hinzu: „Nach Wünschen geht‘s hier nicht. Es wird genommen, was passt.“
Ohne Wünsche also, dafür mit Ankleiderin: „Die Kleider lassen sich gar nicht allein anziehen, deshalb brauchten die Damen ja auch immer eine Zofe“, sagt die Chef-Ankleiderin des Schlossvereins. Sie ist inzwischen eine echte Spezialistin für die Mode des 19. Jahrhunderts und sorgt auch selbst dafür, dass zum Beispiel genügend Accessoires fürs Fest vorhanden sind. Das geht schon bei den Hüten los: „Zur Ballkleidung einer Dame gehörte eine Kappe, zur Alltagskleidung ein Hut oder eine Haube. Ohne Kopfbedeckung das Haus zu verlassen, galt als unanständig“, sagt Jutta Oettle. Eine Kappe bastelt sie dann schon mal aus Watte und Kaninchendraht, für Hüte werden ausgediente Strohhüte neu bezogen.
„Mir gefällt, dass ich hier meine Kreativität ausleben kann“, sagt die 73-Jährige. Das gilt sowohl fürs Nähen als auch für andere Handarbeitstechniken. Als begeisterte Näherin ist sie auch bei den „Hofnadeln“ innerhalb des Vereins aktiv, die Kleider nach historischem Vorbild anfertigen. In den Vorstand des Schlossvereins gelangte Jutta Oettle, weil sie „so praktisch veranlagt ist“. Dazu kam, dass die frühere Filialleiterin bei Fielmann durch ihren Job die halbe Stadt kannte. „Der erste Vereinsvorsitzende Heinz Schott war bei mir Kunde und hat mich geworben“, erinnert sie sich. Sie ist also Gründungsmitglied. Ihr eigenes Outfit: ein Rock mit bestickter Garibaldibluse und eine kleine Kappe, dazu selbst gehäkelte Handschuhe und ein aus China mitgebrachter Schirm.
Da liegt eine Frage nah: Was hat sich denn im Vergleich zum 19. Jahrhundert heute in der Damenmode verbessert? „Alles!“, sagt Jutta Oettle sofort. Das geht schon beim Korsett los, das nötig war, um die schmale Taille der Frauen zu formen: „Probieren Sie das mal aus, da bekommen Sie Schnappatmung! Und es dauert eine Stunde, bis sich die inneren Organe einen neuen Platz gesucht haben.“
Es ist also nicht die Liebe zum Korsett, sondern der Reiz der Zeitreise, der Jutta Oettles Engagement bei den Schlossfreunden befeuert. Seit sie Rentnerin ist, übernimmt sie deutlich mehr Aufgaben. Sie trägt dazu bei, Ideen zu verwirklichen – wie die der „lebenden Bilder“. Dabei stellen Menschen in historischen Kleidern bestimmte Szenen nach, sitzen zum Beispiel an einem Tisch und zelebrieren ein Picknick. Was einfach klingt, bedarf wieder genauer Überlegung – angefangen bei der Herausforderung, alte Tischdecken zu besorgen. Das übernimmt Jutta Oettle gern, gibt Projekte aber auch gern in andere Hände, wenn sie laufen. Zum Gut-organisiert-sein gehört nämlich auch, dass man nicht immer alles selbst macht, sondern Aufgaben delegiert.
Und strukturiert. Der Fundus ist akribisch geordnet, dafür sorgt die Chefin in oft mühevoller Kleinarbeit. Sie ist eine Frau der Tat – einfach machen war schon ihre Devise im Arbeitsleben. Der Satz „Dafür bin nicht zuständig“ ist ihr ein Graus. Denn am Ende findet sich eigentlich immer eine Lösung. Schönster Lohn wie für alle aktiv Mitwirkenden ist es, wenn glückliche Besucher das Schlossfest verlassen - auch wenn sie selbst dann fix und fertig ist.
Die Schlossfreundin zieht aus ihrem Ehrenamt viel Inspiration. In ganz Europa waren Jutta Oettle und ihr Mann Dieter bereits mit dem Verein unterwegs. Es sind Bildungsreisen, die auch zu anderen Schlössern führen und auch dadurch weiß sie, wie schön das Schweriner ist. „Unser Schloss war für mich immer schon das Schloss schlechthin mit seinen Türmen und Kuppeln wie aus dem Märchenbuch. Ich habe früher gar nicht verstanden, dass woanders auch Gebäude Schlösser genannt wurden, die für mich einfach nur Häuser waren.“
Die Zeitreise ins 19. Jahrhundert kann also wieder beginnen. Mehr als 30 Umzugsteilnehmer hat die Fundusverantwortliche in diesem Jahr bereits eingekleidet. Die meisten Boxen für das Schlossfest im Juni sind schon jetzt gepackt, da sollte nichts schiefgehen. Und falls doch: Natürlich, sagt Jutta Oettle, gibt es einen Notfallkoffer mit Nähzeug für schnelle Ausbesserungen. Und was heißt Nähzeug: „Das Allerwichtigste darin sind die Sicherheitsnadeln.“
Katja Haescher



