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Willkommen im Märchenhaus

Alte Büdnerei in Mueß erwacht als Puppentheater „Kinningshus“ zu neuem Leben
Zweimal im Monat spielt Margrit Wischnewski Puppentheater im Kinningshus - eine gemeinsame Initiative mit dem Freilichtmuseum Mueß. Fotos: Haescher
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Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und mehr ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Heute am Mueßer Berg, wo aus einer alten Doppelbüdnerei ein Märchenhaus wird.

Kuh, Schwein und Hühner. Das waren einst wohl die tierischen Bewohner der alten Büdnerei vor den Toren Schwerins. Heute sind es Wolf, Geißlein und Froschkönig. Die sind vergleichsweise pflegeleicht, denn sie erwachen nur unter den geschickten Händen von Puppenspielerin Margrit Wischnewski zum Leben. Sie zaubert seit einigen Wochen Märchen und Geschichten unters Reetdach und füllt so das lange ungenutzte Haus mit neuem Leben. Mit der Eröffnung als „Kinningshus“ soll jetzt ein neues Kapitel in der Geschichte des mehr als 200 Jahre alten Fachwerkhauses beginnen, das zum Freilichtmuseum Mueß gehört.
Im Museum spielt Margrit Wischnewski schon seit vielen Jahren Puppentheater. „Als ich dann zum ersten Mal in dieses Haus hier kam, dachte ich: Oh, wie toll!“, erinnert sie sich. Es gibt Platz fürs Spiel und zum Spielen, eine Küche und ein umzäuntes Grundstück. „Das Puppentheater ist immer ein Zimmertheater gewesen, hier geht es zurück zu den Wurzeln“, freut sich die Künstlerin. Durch die Nähe zum Wohngebiet ist das Kinningshus ein attraktives Angebot für die Bewohner des Großen Dreeschs - und ein weiteres, das Margrit Wischnewski den Schwerinern neben ihren Auftritten im Museum macht.
Wer durch die Räume des Fachwerkhauses spaziert, kann die alten Strukturen noch gut erkennen: den Keller, den kleinen Stall, die Wohnräume. Die Geschichte des Hauses allerdings liegt größtenteils im Dunkeln: „Auf einer Flurkarte um 1800 ist an dieser Stelle bereits ein längeres Gebäude eingezeichnet, ich gehe also davon aus, dass das Haus bereits Ende des 18. Jahrhunderts gebaut wurde“, sagt Gesine Kröhnert, Leiterin des Freilichtmuseums Mueß. Sie vermutet, dass das Fachwerkhaus als Forstarbeiterkate entstand. Dafür spricht, dass Mueß als großherzogliche Domäne über große Waldflächen verfügte. Später wurde das Haus als Büdnerei verkauft. Das war allerdings erst Ende des 19. Jahrhunderts, als Büdner – Besitzer kleiner ländlicher Anwesen mit wenig Land – angesiedelt wurden. „Ungewöhnlich ist, dass es sich um ein Zwei-Familien-Haus handelt“, sagt die Historikerin, die in der Geschichte des Gebäudes noch eine spannende Forschungsaufgabe sieht. Eine, die zugegebenermaßen schwierig ist: Beim Brand des Schweriner Regierungsgebäudes im Jahr 1865 wurden zahlreiche Akten vernichtet, so dass die Mitarbeiter des Freilichtmuseums bei ihren Recherchen vor allem auf Flurkarten und Grundbücher zurückgreifen mussten. In  letzteren ist 1927 der Landwirt Heinrich Güldner als Besitzer eingetragen. 1958 ist es dann Landwirt Bruno Preuß, der allerdings später den Beruf wechselt. So geht das Haus in den 70-er Jahren in den Bestand des Mueßer Museums über und wird zum Jugendclub des damaligen „musealen Kombinats“. Als Gesine Kröhnert 1988 frisch vom Studium als jüngste Mitarbeiterin ins Freilichtmuseum kommt, wird ihr prompt die Leitung des Jugendclubs übertragen – an viele lustige Veranstaltungen kann sie sich heute noch erinnern. Nach der Wende öffnete dann das „Check up“, in dem so mancher Schweriner Jugendliche die erste große Liebe fand.
Und nun: Puppentheater! Zweimal im Monat, jeweils in der Mitte, am Mittwoch und Sonnabend, spielt Margrit Wischnewski ihre aktuellsten und beliebtesten Inszenierungen. Unter der Telefonnummer 0385-77886895 können sich Gruppen ab 25 Personen auch für zusätzliche Aufführungen anmelden – Erwachsene sind ebenso willkommen wie Kinder. Natürlich macht es Margrit Wischnewski besonders viel Spaß, die jüngsten Besucher zum Staunen zu bringen. Und – da steckt einfach die Lehrerin in ihr – sie auch ein bisschen schlauer zu machen. Der neue Spielort Kinningshus kommt ihr bei dem Wunsch entgegen, den Mädchen und Jungen auch Geschichte zu den Geschichten zu vermitteln. Viele Kinder, sagt  Magrit Wischnewski, kennen einen Kuhstall nur noch aus dem Fernsehen. Es ist ihnen neu, dass sich Mensch und Tier oft ein Haus teilten, die Hühner manchmal auch über den Flur flitzten und Wolle erst zum Faden gesponnen werden musste. Die Puppenspielerin merkt das, wenn sie ihr Dornröslein zur Aufführung bringt: So mancher der kleinen Zuschauer kann mit dem Begriff „Spindel“ gar nichts anfangen. Deshalb erzählt Margrit Wischnewski auch die Alltagsgeschichten aus den Märchen: Den Bremer Stadtmusikanten wird übel mitgespielt, weil unnütze Nutztiere im bäuerlichen Alltag  eine Last waren und ein dritter Sohn, der kein Land, sondern einen Kater erbt, hatte vom Leben nicht viel zu erwarten. „Es war einmal“ bekommt so eine ganz neue Dimension.