17.09.2014

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Jazz, Schwerin und Fussball

Jim McIntosh ist einer der besten Banjo-Spieler Europas, Hobbykoch und ein britischer Spaßvogel
Jim McIntosh spielt normalerweise mit den Jazzaholics.Foto: SN live
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„Pretty ladies, interesting buildings, great lakes, very relaxed, clean“ – Jim McIntosh gefällt‘s in unserer Stadt. Wegen der Damen, der Häuser, der Seen, der sehr entspannten Lebensweise und der Sauberkeit. Außerdem – und das freut den Engländer auch besonders – seien Bier und Wein in Deutschland nur halb so teuer wie im Vereinigten Königreich.

Aber nicht deswegen zog der Inseleuropäer aufs Festland um, sondern für seine „pretty lady“ Hanny Wiedecke. Die jazzbegeisterte Schwerinerin und der Banjo-Spieler lernten sich im April 2010 beim Internationalen Dixieland-Festival in Dresden kennen, wo er mit der Band Max Collie Rhythm Aces gastierte.

Ursprünglich wollte ja seine Hanny zu ihm nach London ziehen, aber dann entschieden sich die beiden genau andersrum. Jim McIntosh berichtet von seiner abenteuerlichen Reise per Peugeot  206 in seine neue Heimat. Er habe das Auto vollgestopft mit allem, was er unbedingt brauchte: Mu­sik­anlage samt Mikrofonständer, Computer inklusive „large printer“ und „large scanner“. Hinzu kam noch eine Menge weiteres Gepäck. Wer es nicht weiß: Der 206er ist ein Kleinwagen. Aber für ihn, den schlanken Briten, sei noch ausreichend Platz gewesen. Allerdings habe dann nur noch eine Hose und ein Satz Unterwäsche  ins Auto gepasst.

Man weiß manchmal nicht, was man Jim McIntosh glauben soll. Ist‘s jetzt ein britisch-humorige Story, die er erzählt, oder die Wahrheit? Im Zweifelsfall hilft ein Blick rüber zu Hanny, die schmunzelnd mit dem Kopf schüttelt, wenn ihr Partner mal wieder mit ernster Miene Quatsch redet.

Zum Beispiel die Geschichte mit der Posaune. Jim erzählt, dass er im Mai 2012 aus Freude über den Champions-Lea­gue-Sieg des FC Chelsea auf dem Balkon mitten in Schwerin „God Save the Queen“ geblasen habe. Stimmt, sagt Hanny.

Außerdem sei er „all over Europe“ bekannt für seine hervorragenden indischen Gerichte, die er als Hob­by­koch zubereite. Hanny winkt ab. „In ganz Europa“ sei weit übertrieben. Aber dass er sehr gut indisch koche, entspreche tatsächlich der Wahrheit.

Und sie bestätigt, dass Jim McIntosh als einer der europaweit besten Banjo-Spieler gilt. Viele jüngere Leute würden sogar versuchen, seinen Stil zu kopieren.

Der Autodidakt führt nun sogar eine eigene Band: Gentleman Jim McIntosh and the Jazzaholics. Mit dieser Formation toure er einmal im Jahr durch Deutschland und spiele ab und zu einen Gig in England. Auch in Schwerin gastierten die Musiker schon mit ihrem traditionellen Jazz. Wer weiß, vielleicht klappt es nächstes Jahr wieder. Das Problem allerdings: Außer ihm selbst wohnen alle Musiker auf der Insel.

Als der jetzt 72-Jährige endgültig in Schwerin landete, habe er jedem hier erzählt, dass er in drei Monaten perfekt deutsch spreche. Dass er zweieinhalb Jahre später immer noch kaum ein Wort unserer Sprache beherrsche, liege daran, dass er ein „lazy old man“, ein „fauler alter Mann“, sei. Dann überlegt sich‘s anders: Nein, die Schweriner seien schuld, denn sie würden immer nur Englisch mit ihm reden. Ja, alle Schweriner, abgesehen vom „Schwerin live“-Redakteur natürlich. Die Engländer sind höfliche Menschen.

Der Musiker spielt übrigens nicht nur seit 48 Jahren Jazz, sondern arbeitet zudem für eine monatlich erscheinende britische Jazz-Zeitschrift. Er ist für die Gestaltung zuständig, schreibt aber auch ab und an einen Artikel: Wenn schnell noch Platz gefüllt werden müsse, berichte er vor allem über die deutsche Jazz-Szene.

Übrigens, wo wir vorhin schon kurz das Thema Fußball angerissen haben: Jim McIntosh ist als Engländer selbstverständlich Fußballfan. Sein Lieblingsverein: der Drittligist MK Dons, der vor wenigen Wochen den Club Manchester United im Pokal bezwang. Als seinen Lieblingsspieler nennt er jedoch den Deutschen Bastian Schweinsteiger. Dessen Spielweise erinnere ihn ein wenig an die von Vinnie Jones, dem früheren Kicker des FC Wimbledon (aus dem der MK Dons hervorging) und heutigen Schauspieler. Er sei mit Jones sehr gut bekannt.

Vermisst er eigentlich hier in Deutschland etwas aus seiner alten Heimat? Ja, sagt er, gute indische Restaurants (was aber wegen seiner eigenen Kochkünste halb so schlimm sei), das echte Guinness-Bier und sein Chips- Sandwich. Chips-Sandwich? Das sei einfach Weißbrot mit Pommes frites und – „whitebread must be white!“ – viel Butter. Hanny schüttelt den Kopf, aber diesmal, wie sich schnell rausstellt, nicht weil ihr Jim mal wieder gescherzt hätte, sondern weil sie immer noch nicht versteht, wie man so etwas essen kann. Jim freut sich über ihren Gesichtsausdruck. Und über meinen. Stefan Krieg