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Ein Haus für Justitia

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Ein Haus für Justitia

Das Gerichtsgebäude am Demmlerplatz ist ein herausragendes Beispiel für Baukunst zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und mehr ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Heute am Demmlerplatz, den das fast 100 Jahre alte Justizgebäude prägt. Der Platz trägt den Namen des Hofbaurats Demmler, aber mit diesem Schweriner Prachtbau hat er nichts zu tun. Es war vielmehr der Architekt Paul Ehmig, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Residenzstadt ein Haus für Justitia entwarf. Der Platz, der damals noch Königsbreite hieß, erhielt zwischen 1914 und 1916 durch das monumentale Gebäude ein völlig neues Gesicht. Auch heute ist die helle Sandsteinfassade schon von weitem zu sehen. Eine breite Treppe führt zum Haupteingang, über dem das Wappen des Großherzogtums Mecklenburg-Schwerin prangt und die Staatsgewalt symbolisiert. Die ist inzwischen eine andere. Trotzdem wird in dem Haus wie damals Recht gesprochen: Seit 1992 haben hier das Amts- und das Landgericht Schwerin ihren Sitz. Wer durch die hohe Holztür eintritt, steht in der repräsentativen Eingangshalle. Von dort führt eine Treppe in den Schwurgerichtssaal in der ersten Etage, den größten und prächtigsten der Gerichtssäle. „Recht muss doch Recht bleiben“ steht in vergoldeten Buchstaben über der Tür, die von zwei Atlanten-Figuren flankiert wird. „Diese Inschrift war zu DDR-Zeiten verdeckt und wurde erst später von Denkmalschützern wieder freigelegt“, weiß Pressesprecher Detlef Baalcke, Richter am Landgericht. Damals waren Recht und Gerechtigkeit hier auch nicht zu Hause: Das Gebäude war seit 1954 Dienstsitz des Ministeriums für Staatssicherheit im Bezirk Schwerin. Den Saal nutzte die Stasi als Kino- und Vorführraum. Heute zählt der Schwurgerichtssaal zu den bauhistorisch wertvollsten Bereichen des Gerichtsgebäudes. Er präsentiert sich in dunkler Würde: Die Holztäfelung und die dunkelblauen Wände unterstreichen die Ernsthaftigkeit, die von diesem Ort ausgeht. Richter und Schöffen sitzen vor dem großen Glasfenster, das sich – von außen gesehen - unmittelbar über den Haupteingangstüren befindet. Direkt vor dem Fenster und über dem Portal die Frau, um die sich hier alles dreht: Justitia, die Göttin der Gerechtigkeit und des Rechtswesens. Ihr zur Seite stehen zwei weitere Figuren, die Anklage und Verteidigung symbolisieren. Fünf historische Gerichtssäle und 20 Verhandlungsräume stehen nach der 2009 weitgehend abgeschlossenen Sanierung zur Verfügung. Damit wurden nicht nur moderne Arbeitsbedingungen geschaffen. Auch die Dimensionen des Gebäudes, das als herausragendes Beispiel Mecklenburger Baukunst in der Zeit des Kaiserreiches gilt, sind wieder sichtbar geworden. In den hellen Gängen dominieren die Farben Grau und Grün, die nach historischen Befunden ausgewählt wurden. Auf halber Treppe auf dem Weg in den Schwurgerichtssaal führt eine Tür aus dem prächtig ausgestatteten Treppenhaus in das Gefängnisgebäude. „Der Volksmund nennt diesen Übergang Seufzerbrücke“, sagt Detlef Baalcke – wohl, weil auch wie im Falle des berühmten Vorbilds in Venedig Gefangene von hier aus zum letzten Mal seufzend einen Blick in die Freiheit werfen konnten. Einige wenige Zellen werden heute genutzt, um Untersuchungsgefangene während der Verhandlungstage unterzubringen. Die anderen dienen dem Archiv – und waren in der Vergangenheit sogar schon Drehort für Fernsehkrimis. In einem weiteren Teil des Gefängnistraktes bleibt düstere Vergangenheit des Gebäudes als Mahnung lebendig. Hier befinden sich das Dokumentationszentrum und die Gedenkstätte für die Opfer der Diktaturen, die während des Nationalsozialismus, zu Zeiten der Sowjetischen Besatzungszone und in der DDR verfolgt wurden.