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Ein Haus für alle Fälle

Halle am Fernsehturm beherbergt heute Deutschlands größtes Feuerwehrmuseum
Heute dient die Halle als Parkplatz für Feuerwehrfahrzeuge aller Art, auch die Nebenräume erzählen Feuerwehrgeschichte.
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Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und mehr ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Heute in der Halle am Fernsehturm, die Deutschlands größtes Feuerwehrmuseum beherbergt.

Eins vorneweg: Wenn von einem schönen Haus die Rede ist, scheint die Halle am Fernsehturm nicht in diese Kategorie zu passen. Wenn es aber um schöne Erlebnisse geht, die Menschen mit einem Haus verbinden, dann ist der Zweckbau auf dem Großen Dreesch hier genau richtig. „Die Halle war spitze, ich kann mich noch gut an Konzerte erinnern, die hier stattfanden“, sagt Rainer Blumenthal vom Schweriner Stadtarchiv. Zum Beispiel an das von Konstantin Wecker, der zu DDR-Zeiten hier auftrat. „Es war echt schwer, Karten zu bekommen. Ich hatte welche, aber viele andere standen draußen vor der Tür. Wecker hat die Leute einfach reingelassen. Wir mussten alle zusammenrücken, aber wir saßen ja ohnehin schon auf dem Boden“, erzählt der Archivmitarbeiter.
Errichtet wurde der Veranstaltungs-
komplex am Fernsehturm Ende der 70-er Jahre, als Vorbild galt eine Sporthalle in Budapest. Ob deshalb damals von der RGW-Halle die Rede war? Hinter diesen drei Buchstaben verbarg sich der Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe, ein Zusammenschluss der Ostblockstaaten, der unter anderem für die Weitergabe von Standards unter den Mitgliedern sorgte.
Aber wie dem auch sei: Drei Buchstaben waren ohnehin nicht genug, um die Vielzahl der Veranstaltungen in der Halle zu beschreiben. Von D wie Disco über J wie Jugendweihen bis P wie Parteiveranstaltungen reichte das Spektrum. Nachdem 1983 Haupteingang und Foyer angebaut worden waren, wurde das Gebäude offiziell zur Mehrzweckhalle. Der erste Leiter der Einrichtung, Heiko Lindemann, hob hier die Disko H30 aus der Taufe, die schnell Kultstatus erreichte. Auch die Konzerte galten stets als etwas ganz Besonderes. Stars wie Silly und Stern Meißen traten in der Halle am Fernsehturm auf. Einlasskontrolle und Ordnerdienst übernahm die FDJ-Gruppe, die im Gegenzug freien Eintritt zu jeder Veranstaltung erhielt. Die Vielfalt war groß: 1984 fand zum Beispiel eine Rockmesse statt. Und wer jetzt an heiße Minis denkt, irrt: An den Ständen stellten sich Mitglieder von DDR-Rockbands den Kulturverantwortlichen vor, die für die Unterhaltung auf Betriebsfesten verantwortlich waren und Künstler dafür engagierten. Der Bauernkongress 1986 bescherte der Halle einen Wintergarten für die Gastronomie und einen Auftritt von Carmen Nebel, die eine Abendveranstaltung moderierte.
Nach der Wende kamen Künstler wie Andrea Berg, Heinz Rudolf Kunze und Rosenstolz dazu. Auch Politiker nutzten die Halle jetzt als Forum. Willy Brandt, Oskar Lafontaine und Helmut Kohl wandten sich hier an die Schweriner.
Fürs Management war ab 1996 die Concert & Management GmbH zuständig, die auch die Kongresshalle vermarktete. Mit Erfolg: Allein im Jahr 2000 weist die Statistik mehr als 104.000 Besucher bei 179 Veranstaltungen. Doch ungeachtet der vielen Happenings im Schatten des Fernsehturms: Zwei Hallen waren für eine Stadt wie Schwerin eine Nummer zu groß. Dazu kam, dass die Halle am Fernsehturm nach mehr als 25 Jahren in einem denkbar schlechten Zustand war. Als das Landesfeuerwehrmuseum die einstige Veranstaltungshochburg 2009 übernahm, regnete es an „gefühlt 150 Stellen“ durch, erinnert sich Museumsleiter Uwe Rosenfeld. Die Isolierung war im Zuge der Asbestbeseitigung größtenteils entfernt worden und durch die Toiletten rauschte das Wasser aufgrund defekter Leitungen kubikmeterweise hindurch.
Der Feuerwehrmann und passionierte Sammler und seine Mitstreiter ließen sich davon trotzdem nicht abschrecken: Denn die Halle am Fernsehturm lockte mit einer Fläche von 4500 Quadratmetern. Sie ermöglichte es, endlich den Großteil der Schätze aus dem ursprünglichen Fundus, dem Landesfeuerwehrmuseum in Meetzen, öffentlich zu präsentieren. „Und was soll ich sagen, das Gebäude ist schon wieder voll“, bemerkt Uwe Rosenfeld. Wo früher die Garderoben waren, stehen heute Wasserzubringer und Abspritzwagen, im Zimmer, das den Chauffeuren der Künstler einst als Aufenthaltsraum diente, ist eine Leitstelle untergebracht, und die Halle ist groß genug für die Fahrzeugsammlung. 112 Autos – passend zur Rufnummer der Feuerwehr – gehören zum Bestand, insgesamt sind es rund 17.000 Exponate zur Geschichte des Löschwesens. Vor allem kleine Jungs möchten das Gebäude heute am liebsten gar nicht mehr verlassen. Und viele Opas melden sich freiwillig für Ausflüge mit den Enkeln. Bis zum 1. April, wenn die neue Saison beginnt, wird noch in einer neuen Abteilung gehämmert und geschraubt – die Ausstellung entwickelt sich ständig weiter. Und so ist die Halle am Fernsehturm heute Deutschlands größtes Feuerwehrmuseum.