11.11.2013

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Die Meister von Morgen

Schweriner Schüler geben alles für ihre Ziele und stellen sich dem Wettbewerb
Die Sieger im Landeswettbwerb M-V von „Jugend debattiert“ 2013
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„Die Jugend von heute!“ sagen die Alten, schütteln fassungslos den Kopf und heben den Zeigefinger. Schon wieder machen randalierende Halbstarke Schlagzeilen, Minderjährige betrinken sich bis zur Besinnungslosigkeit. In seiner Freizeit lungert der Jugendliche an sich bevorzugt vor Fernseher oder Playstation rum, um am nächsten Tag so müde zu sein, dass er einen Sitzplatz in der Straßenbahn unmöglich an eine ältere Person abgeben kann. Disziplin, Anstand, die gute, alte Pflichterfüllung – Fehlanzeige. Fehlanzeige? Wer das glaubt, hat viele Negativ-Schlagzeilen gelesen, die Jugendlichen von heute, die kennt er jedoch nicht. Sie bereiten sich beflissen auf ihren Schulabschluss vor und glänzen „ganz nebenbei“ im Sport-, Wissens- oder Musikwettstreit.
Das große Ziel lautet: Nicht nur gut sein, sondern ausgezeichnet! Von einem Feierabend, wie ihn die eigenen Eltern nach getaner Arbeit genießen, können viele von ihnen nur träumen. Laura Geburtigs Woche zum Beispiel hat 36 Stunden in der Schule plus extra Musiktheorie plus Gitarrenunterricht plus Gesangsunterricht am Schweriner Konservatorium mit Förderstunden und Studienvorbereitender Abteilung. Dazu addieren sich die musikalischen Übungsstunden zu Hause, die Vorbereitungen auf gemeinsame Auftritte mit ihrem Duo „Light voices“, die Auftritte selbst und manchmal ein Wochenendkurs zur persönlichen Fortbildung. Ach ja: Die Anmeldung zum Wettbewerb „Jugend musiziert“ 2014 läuft, die Vorbereitung darauf wird zusätzliche Zeit in Anspruch nehmen.


Hat jemand erwähnt, dass Laura 17 Jahre alt ist und demnächst das Abitur machen wird? Berufswunsch: Grundschullehrerin für Musik. Die Frage, wann sie eigentlich ihre Hausaufgaben erledigt oder ihr Leben zusammen mit Freunden genießt, beantwortet die sympathische junge Frau mit einem Lächeln: „Man muss eben in Kauf nehmen, dass man am nächsten Tag müde ist, das geht schon.“ Musikalische Bildung gehört für die Schülerin des Goethe-Gymnasiums ohnehin zum Alltag. Auf ihre eigentliche Leidenschaft, den klassischen Gesang, ist sie aber erst in der 10. Klasse gestoßen – und beherrscht das Fach heute bereits so gut, dass sie sich darin nächstes Jahr mit anderen Sängern messen will.
Bis zum 15. November konnten sich junge Musiktalente für den anstehenden Wettbewerb „Jugend musiziert“ anmelden, Kinder mit Unterricht im Privaten ebenso wie Eleven von Musikschulen. Ausschlaggebend ist neben der eigenen Motivation das Ja des jeweiligen Lehrers. Nach vorher abgegebenen Schätzungen wird das Konservatorium 52 Teilnehmer zum Regionalausscheid  entsenden, die Musik- und Kunstschule „Ataraxia“ rund 20. Wer aus dieser ersten Runde des renommierten Wettbewerbs, der jedes Jahr über den Landes- in einen bundesweiten Ausscheid mündet, mit einem Preis nach Hause geht, darf das bereits mit stolzgeschwellter Brust tun. „Die Schüler fangen im Durchschnitt ein halbes Jahr vorher an, sich auf den Wettbewerb im Frühjahr vorzubereiten“, erzählt Beate Breustedt von der „Ataraxia“. „Dass sie dabei sind, ist eine riesige Anerkennung ihrer Leistung, vom Publikum und von der Familie wird das ebenso gewürdigt. Insofern geht eigentlich kein Schüler enttäuscht nach Hause, nur weil er oder sie die Weiterleitung in die nächste Runde nicht geschafft hat.“
Bei all der Höchstleistung den Spaß an der Sache nicht verlernen, geht das? Laura hat gerade mit Freude einen Teil eines freien Tages geopfert, um sich mit Lehrerin Kathrin Voß, Opernchorsängerin am Theater, ihrer stimmlichen Entwicklung zu widmen. Ein Weihnachtskunstlied haben sie sich für heute vorgenommen, auf Lauras Wunsch, damit sie zur Weihnachtszeit einmal etwas anderes vortragen kann, als immer nur „Stille Nacht“. Und, nein, der Spaß kommt hier nicht zu kurz, auch wenn die Körperhaltung der Sängerin für das ungeübte Auge etwas ungemütlich aussieht. Dass sie das Talent ganz sicher nicht von ihren Eltern hätte, hat Laura vorher noch erzählt, eher von der Großmutter. „Aber durch meine Musik sind meine Eltern musikalisch viel interessierter geworden, sie gehen auch häufiger ins Theater“, verrät sie. Blieben die großen Erfolge aus, wäre das ein kleiner.
Was die Musik mit Menschen macht, die sich viel mit ihre beschäftigen, davon kann auch Clara Heilborn erzählen. „Musiker sind ausgeglichenere Menschen“, meint sie. Wenn man das Mädchen selbst erlebt, erst 13 Jahr alt und so konzentriert bei der Sache, besteht daran kein Zweifel. Mit Preisen kennt sie sich, trotz ihrer noch jungen Jahre und obwohl sie „erst“ mit 9 zu ihrem Instrument fand, schon ganz gut aus. Nur ein Jahr, nachdem sie auf dem Kontrabass zu spielen angefangen hatte, erlangte sie 2010 die Auszeichnung „mit gutem Erfolg“ im Wettbewerb „Bass 2010“. Seit zwei Monaten ist sie mit ihrem riesigen, sie selbst überragenden Instrument Teil eines Trios mit Geige und Cello, musiziert außerdem im Jugendsinfonieorchester der Stadt. „Naja“, gibt sie zu, und wirkt dabei eher schüchtern als bühnenerfahren, „natürlich hat man jeden Tag unterschiedlich Lust zu üben, aber das hat sich bisher immer irgendwann wieder von allein geregelt.“ Auch wenn der Kontrabass so groß ist, dass Claras Lehrer vom Konservatorium zum Unterrichten am besten ins Kinderzimmer kommt, kann sie ihn nur empfehlen: „Es ist ein tolles Instrument!“ Und es hört sich toll an, wenn die junge Musikerin dem dicken Klangkörper  scheinbar mühelos tief brummende Melodien entlockt. Am liebsten will sie Orchestermusikerin werden. Der ausgezeichnete Dritte Preise, mit dem sie vom diesjährigen Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ zurückkam, ist sicher nur der erste von vielen Schritten in Claras Leben für die Musik.
Szenenwechsel:  In einem Raum ganz oben im Gymnasiums Fridericianum treffen sich an diesem Nachmittag ein paar Schüler von der Sorte, die einem Lehrer schon mal Schweißtropfen auf die Stirn treiben könnten, wenn sie wollten. Sie alle diskutieren für ihr Leben gern – und haben es darin in den letzten Jahren zur Meisterschaft gebracht. Wobei „diskutieren“ die hier erlernte gewissenhafte Auseinandersetzung mit den unterschiedlichsten Sachverhalten nicht trifft. Richtig heißt es: debattieren. In dieser ständig wechselnden Runde sind die Sieger des Landeswettbewerbs „Jugend debattiert“ gewachsen, einige von ihnen standen bereits im Bundesfinale des Rhetorik-Wettstreits. Es gibt auch andere Schüler in der Stadt, die das Debattieren üben, aber niemanden, der bislang so erfolgreich war. „Seit 2009 waren wir jedes Jahr im Landesfinale vertreten, diesmal hatten wir dort drei von vier Plätzen inne“, berichtet Annette Uffmann stolz von den Leistungen ihrer Schützlinge.

Ohne die Sozialkundelehrerin würde es diesen Debattier-Club nicht geben und auch nicht die Debatten in der Klasse als festem Bestandteil ihres Unterrichts. „Dabei ist das so enorm wichtig für jedes Schulfach“, sagt sie. „Nicht nur die freie Rede spielt ja bei jeder Präsentation eine große Rolle, auch die Fähigkeit, sich tiefgehend mit einem Sachverhalt zu beschäftigen, kann man in fast jedem Fachgebiet gebrauchen.“ Der Wettbewerb selbst will das Interesse der Schüler an gesellschaftspolitischen Fragen wecken. „Soll der Import von Atomstrom nach Deutschland verboten werden?“ lautete einmal eine Vorgabe. Julian, der 2012 am Bundeswettbewerb teilnehmen durfte, fand die Auseinandersetzung mit dieser Fragestellung ungleich komplexer als zum Beispiel die Frage nach dem Verbot oder Nicht-Verbot der NPD. In diesem Jahr folgte ihm Jan-Eric im Ausscheid der Debattanten auf die Bundesebene. Als zu dem Zeitpunkt 15-Jähriger stand er im Finale, Thema: „Wahlrecht ab 16?“, und auch wenn es für ihn persönlich enttäuschend zu Ende ging – wohlgemerkt als einer unter den ersten Sechs –, möchte er die Erfahrung auf keinen Fall missen. „Die Aufregung, vor so vielen Menschen zu sprechen, ist natürlich extrem groß“, sagt er. In der schuleigenen Runde hingegen tragen die Jungs, die im Übrigen stets die Mehrzahl der Debattanten stellen, und das eine anwesende Mädchen ihre Meinungen so selbstsicher und strukturiert vor, wie es kaum erwachsene Menschen schaffen. Zwar sei die Vorbereitung auf solch einen Rede-Wettbewerb nicht so zeitintensiv wie etwa beim Sport oder in der Musik, sagen die, die es wissen müssen. Doch wenn man sich im Vorfeld in drei Themen intensiv einarbeiten soll, einen Tag vorher erfährt, welches davon im Wettbewerb zur Debatte steht, und erst kurz vor seinem Auftritt weiß, ob man für die Pro- oder die Contra-Seite reden muss – ohne Training geht da nicht viel.
Die Übung heute lautet: Zwei Minuten Eröffnungsrede über „Die wichtigste Erfindung der Menschheit“. Im Wettbewerb sind außerdem 12 Minuten sogenannte freie Aussprache vorgesehen. Das bedeutet, jeweils zwei Für- und zwei Wider-Redner tauschen im Wechsel ihre Argumente aus, haken nach, stellen Gegenfragen. Die Schlussrede fasst schließlich noch einmal den Standpunkt jeder Seite zusammen. Wenn doch jede Auseinandersetzung so friedlich vonstatten gehen würde.
Auseinandersetzen nicht nur mit theoretischen, sondern zu einem großen Teil mit praktischen Überlegungen müssen sich die Teilnehmer im Wettbewerb „Jugend forscht“. Jedes Jahr verblüffen die Nachwuchstüftler die Juroren mit ausgeklügelten technischen Lösungen für den privaten Bereich, für Wirtschaft und Wissenschaft. Zwei Teilnehmer aus M-V waren in diesem Jahr auf Bundesebene erfolgreich; sie kamen aus Rostock. Kaum zu glauben, dass das am mangelnden naturwissenschaftlichen Ehrgeiz der Schweriner Schüler liegen soll, doch „die letzte Teilnahme einer Schülerin einer Schweriner Schule war 2006, also vor sieben Jahren“, berichtet der Wettbewerbsleiter für M-V, Dr. Frank Mehlhaff, auf Nachfrage. „2012 gab es zwar eine Anmeldung von der Europaschule Schwerin, aber es wurden keine Arbeiten eingereicht.“ Es bleibt also viel zu tun für die Schweriner Meister von morgen und für die, die sich erst noch entscheiden müssen, für welches Ziel es sich anzustrengen lohnt.

www.jugend-musiziert.de
www.jugend-debattiert.de
www.jugend-forscht-mv.de