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Schwerin – Eine sozialistische Bezirkshauptstadt
Kaufhalle in der Lessingstraße 1973. Quelle: Stadtarchiv Schwerin
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Schwerin, vor 850 Jahren von Heinrich dem Löwen gegründet, präsentiert sich heute als Stadt mit unverwechselbarem Flair. Als „Stadt der Seen und Wälder“ besang sie einst der Gelehrte Friedrich Lisch. Heute ist die Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns wegen ihres märchenhaften Schlosses, der wunderschönen Gärten und ihrer einmaligen  Kunstschätze ein Anziehungspunkt für Besucher aus Nah und Fern. In einer 12-teiligen Serie erzählen wir die Geschichte der Jubilarin. Autor ist Jens-Uwe Rost, Mitarbeiter des Schweriner Stadtarchivs.

Mit dem Einzug der sowjetischen Besatzungstruppen musste jede Hoffnung auf Demokratie und Freiheit aufgegeben werden. Die KPD, von den sowjetischen Besatzungsbehörden massiv unterstützt, setzte alles daran, die SPD politisch zu vereinnahmen. Offiziell als „Einheit der Arbeiterklasse“ deklariert, fand de facto eine Zwangsvereinigung zur SED statt. Die Besatzungsmacht verhinderte, dass die SPD ihren Landessitz nach Rostock verlegte. Daraufhin trat der SPD- Landesvorsitzende Albert Schulz zurück. Andere sozialdemokratische Einheitsgegner, wie der Schweriner Stadtrat Willy Mausolf, kamen unter falschen Anschuldigungen ins Gefängnis.
Während sich die politischen Umwälzungen in rasantem Tempo vollzogen, kam die Wirtschaft nur allmählich in Gang. Erste Betriebe siedelten sich auf dem ehemaligen Flughafengelände in Görries und auf dem Hafengebiet am Ziegelinnensee an. Infolge der Teilung Deutschlands wuchs die Bedeutung der Häfen und Werften in Mecklenburg. Mit dem Schweriner Klement-Gottwald-Werk (KGW) entstand 1951 ein wichtiger Zulieferbetrieb für den Schiffbau.
Mit der DDR-Verwaltungsgebietsreform verlor Schwerin 1952 seinen Status als Landeshauptstadt und wurde Verwaltungszentrum des gleichnamigen Bezirkes. Der zentralistisch organisierte Staat förderte fortan vornehmlich die Schwerindustrie. Als Folge herrschte ein Mangel an Konsumgütern und Lebensmitteln. Trotzdem sollte die Arbeitsleistung um 10 Prozent gesteigert werden, ohne entsprechenden Gegenwert. Der Unmut darüber entlud sich am 17. Juni 1953 in einer landesweiten Streik- und Protestwelle. In Schwerin legten Arbeiter der Kleiderwerke und im KGW zeitweilig die Arbeit nieder. Doch russische Panzer, wie am Pfaffenteich und auf dem Markt, demonstrierten unbeugsamen Machtwillen.
Ungeachtet dessen schritt die Industrialisierung des Nordens voran. Zwischen 1959 und 1961 entstand das Industriegelände Sacktannen mit dem Kabel- und dem Plastverarbeitungswerk. Aufgrund der Nähe zum Trinkwasserschutzgebiet und der großen Entfernung zu den Wohngebieten kam eine weitere industrielle Erschließung des Gebietes jedoch nicht infrage. Anstelle der alten Molkerei nahm 1961 das am Ziegelsee erbaute Molkerei- und Dauermilchwerk den Betrieb auf.
Um die vielen Werktätigen unterzubringen, wurde ab 1955 die Weststadt und ab 1961 das Neubaugebiet Lankow errichtet. Einen weiteren wirtschaftlichen Aufschwung verschaffte Schwerin die so genannte „Strukturlinie für den Maschinenbau“ von Magdeburg bis Wismar. 1972 beschloss der Ministerrat den Bau des Industriekomplexes Schwerin Süd. Es entstanden Produktionsstätten für Plastverarbeitungsmaschinen, Hydraulikanlagen und Lederwaren. Hinzu kamen ein Heiz- und ein Klärwerk. 1985 waren hier ca. 10.000 Menschen beschäftigt. Zeitgleich begann der Aufbau des Stadtteils Großer Dreesch, in dem später über 60.000 Menschen lebten.
Was die Menschen, trotz Arbeitsplatzgarantie, bedrückte war die Allmacht der SED und ihre Reformresistenz. Systemkritik übten die so genannten „Kunstschaffenden“. Stellvertretend sei das 1978 unter der Regie von Christoph Schroth am Schweriner Theater aufgeführte Drama „Franziska Linkerhand“ genannt. Es erzählt die Geschichte einer im Sozialismus zum Scheitern verurteilten jungen Frau und endet mit der Frage „Warum passiert denn hier nichts?“
Doch brodelte es längst unter der Oberfläche. Eine anonyme Tauschannonce in Schweriner Kaufhallen brachte es auf den Punkt: „Biete: Erich Honecker „Aus meinem Leben“ - Suche: M. Gorbatschow „Perestroika“. Die Kirchen und vor allem der Schweriner „Paulskirchenkeller“ boten Freiräume für Umweltschutzgruppen, Ausreisewillige und Wehrdienstverweigerer. 1989 gründete sich die Schweriner Gruppe des „Neue Forum“. Den öffentlichen Versammlungen in der Paulskirche folgten Montagsdemonstrationen mit bis zu 25.000 Menschen. Gewaltlos brach die SED-Diktatur zusammen. Im Dezember 1989 nahm der „Runde Tisch“, eine Gemeinschaft aus Vertretern der Parteien und Gruppierungen, die Geschicke der Stadt in die Hand. Am 6. Mai 1990 siegte bei der Kommunalwahl die SPD, dicht gefolgt von der CDU und der PDS.