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Ökonomie, Oper und die Beatles

Gretel Gontarczyk versteht eine Menge von Zahlen und ist Vorsitzende des Polizeichors Schwerin
Gretel Gontarczyk ist seit 47 Jahren Mitglied des Polizeichors, der dieses Jahr Jubiläum feiert. Foto: S. Krieg
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Wenn der Opens external link in new windowPolizeichor Schwerin kommt, werden die Leute still im Saal, aber es wird niemand verhaftet, allenfalls gefesselt. Und zwar von den Melodien, den Stimmen der Sänger, der Atmosphäre. Und das ist bereits seit fünfzig Jahren so.
Ohne Gretel Gontarczyk wäre das Ensemble nicht dasselbe. Sie leitet den Chor-Verein seit 1998. Mitglied ist die 67-Jährige schon wesentlich länger: 1971 wurde sie aufgenommen, nachdem sie zuvor schon ein ums andere Mal sozusagen inoffiziell mitgesungen hatte.

Auch wenn sie in Hagenow geboren wurde und inzwischen in Consrade wohnt, fühlt sie sich doch als echte Schwerinerin. In unsere Stadt kam sie zusammen mit ihren Eltern bereits als kleines Kind. Gretel Gontarczyk war nie lange weg aus Schwerin. Nur Lehr- und Studienzeit absolvierte sie im Vogtland.
Sie wollte unbedingt Facharbeiterin für Rechnungsführung und Statistik werden; diese Ausbildung wurde damals ausschließlich dort im Süden der Republik angeboten. Für das anschließende Ökonomiestudium blieb sie gleich im Ort; die Fachhochschule befand sich im selben Komplex wie die Berufsschule. Der praktische Teil der Lehre fand in der Schweriner Bezirksstelle für Statis­tik statt, also dort, wo heute das Datenverarbeitungszentrum (DVZ) seinen Sitz hat.

Nach dem Studium arbeitete sie zunächst weiter beim DVZ. Eines Tages sagte ihr Vater, Polizist, zu ihr: „Hör mal, bei uns werden gut ausgebildete Leute gesucht. Das wäre doch was für dich.“ War es. Und so wechselte Gontarczyk 1976 zur Volkspolizei. „Ich habe nicht lange gezögert“, sagt sie. „Der Verdienst war deutlich besser, und ich hatte weiter mit Datenverarbeitung zu tun. Allerdings musste ich als Seiteneinsteigerin parallel noch eine Polizei-Grundausbildung machen.“
Auch nach der Wende blieb sie den Gesetzeshütern treu, sie wurde Anfang der neunziger Jahre Beamtin, arbeitete die meiste Zeit bei der Kripo und schaffte es dort bis zum Dienstgrad Kriminalhauptkommissar. Vor zehn Jahren ging sie in den Vorruhestand.

Der Polizeichor wurde 1968 tatsächlich aus den Reihen der Polizei gegründet. Die 25 Gründungsmitglieder waren Polizisten und deren Frauen. Kein Geringerer als der Schweriner Opernsänger Peter Garske leitete den Chor seit den Anfangstagen. Gretel Gontarczyks Vater Bruno Bronnert zählte zu den Mitgründern. Ihre Mutter und ihre drei Geschwister singen oder sangen ebenfalls in dem Chor.
Eine musikalische Familie also. Und so lernte sie das Singen vor allem zu Hause, gehörte aber als Schülerin auch der Singegruppe der Theodor-Körner-Schule an und später dann der Singegruppe der Berufsschule.
Aber auch ganz andere Klänge lässt sie an ihre Ohren. „Ich bin ja mit den Beatles aufgewachsen“, sagt sie. „Und die sind immer noch meine Lieblingsband.“

Was sie sonst noch gern höre? Auf jeden Fall Opernchöre, antwortet sie. Die Schlossfestspiele Schwerin seien natürlich Pflichttermin. Selbst der Polizeichor hat das eine oder andere Stück aus der Welt der Oper im Programm. Ansonsten reicht dessen Repertoire von Musicalsongs und Operettenmelodien über Volkslieder bis hin zu sakra­len Gesängen. Die geistlichen Lieder trägt der Chor vor allem bei seinen traditionellen Adventskonzerten vor. Um die zehn Auftritte insgesamt absolviert das Gesangsensemble jährlich.

Zu DDR-Zeiten war die Organisation der Auftritte im Wesentlichen in den Händen der Polizei, so dass sich der Chor ganz auf den künstlerischen Teil konzentrieren konnte. „Das ging dann nach der Wende leider nicht mehr. Wir gründeten 1990 den Chor als Verein nochmal neu und mussten uns fortan um alles selbst kümmern. Wir haben sogar überlegt, uns umzubenennen, haben aber den Namen Polizeichor behalten, weil man uns eben schon lange so kennt“, blickt sie zurück.

Der Vereinsvorsitz blieb übrigens in der Familie, denn Gontarczyks Vorgänger auf dem Posten war ihr Vater. Musikalisch geleitet wird der Chor seit 2015 von Natalia Oleynik.

Zum Jubiläum erfreut der Polizeichor seine Zuhörer am 9. Juni im Staatstheater mit einem großen Festkonzert. Das Programm wurde aus den Wünschen der fünfzig Chormitglieder zusammengestellt. Gretel Gontarczyk schrieb unter anderem Lieder von Schubert und Schumann auf die Liste sowie den Titel „Als ich fortging“ von der Gruppe Karussell. Den Klassiker von 1987 bezeichnete Sänger und Komponist Dirk Michaelis als „mein ‘Yesterday‘“. S. Krieg